Coaching, Therapie und Klosterreisen

Die besten Geschichten erzählt das Leben

Die besten Geschichten erzählt das Leben

By am Jul 31, 2015 in Blog, freitagsletter | 2 Kommentare

Immer schön cool bleiben

Zum Wochenende stürze ich mich erst einmal in den allwöchentlichen Großeinkauf-Lebensmittel-ach, das auch noch vergessen-Trubel. Und dann ab zum Tanken. Seit ein paar Tagen habe ich eine neue App zum Thema Volltanken und Preisvergleich. Die will schließlich ausprobiert sein.

Wunderbar. Gute Tankstelle gefunden. Erste Zapfsäule, Schlauch reicht nicht. Nächste Säule, Schlauch passt. Säule Nr. 3, für 55,53 € getankt. So weit, so gut. An der Kasse stellt sich heraus, dass eine Dame in Pink meine Tankfüllung bereits per EC-Karte bezahlt hat. Für meinen Dank und meine Bemerkung, es wäre mir noch nie passiert, dass jemand Fremdes einfach so für mich bezahlt, blickt sie mich völlig entgeistert an. An der Kasse entsteht das reinste Tohuwabohu. Die Kassiererinnen haben hochrote Köpfe, die Dame in Pink kann ihre eigene Rechnung nicht in bar zahlen.

Mein Betrag ist inzwischen durch den Computer als bezahlt gelöscht. Die Schlange auf der Hauptverkehrsstraße – schließlich haben noch ein paar Leute mehr mitbekommen, dass der Sprit hier günstig ist –, wird lang und länger.

Und ich? Ich bleibe ganz ruhig und freue mich, dass das, was ich meinen Klientinnen zum Thema Gelassenheit erzähle, auch bei mir wirkt. Was hätte ich auch zur Verbesserung der Situation tun können!? Erst einmal mache ich mich frisch. Und nach einer gefühlten Stunde kann ich weiterfahren. Doch der Tag ist noch nicht zu Ende.

Abends bin ich zur Weinverkostung eingeladen. Prosecco wird gereicht, Netzwerken, Erzählen, Lachen und Spaß halten Einzug in den Freitagabend. Bis eine Dame kommt und sagt: „Haben Sie nicht heute getankt?“ Ups! Was kommt jetzt? Doch unerwartet freudestrahlend gratuliert sie mir dazu, dass ich beim Tanken so cool geblieben wäre, und erzählt den Umstehenden, ich hätte mich nicht aufgeregt, sondern wäre höflich gewesen und hätte mich sogar bei der Dame bedankt. So werde ich den anwesenden Damen sogleich vorgestellt. Ich brauche nichts weiter zu tun, als zu grinsen. Ist das nicht witzig? Es scheint zu stimmen: Man sieht sich immer zweimal. Ich lerne an dem Abend Heidi kennen, die den Porsche neben mir betankt hat.

Hast Du in der letzten Woche auch eine besondere Geschichte erlebt?

Eure Brigitte Jülich

 

    2 Kommentare

  1. Meine besondere Geschichte der letzten Woche:
    Dienstag morgen im überraschend leeren ( 4 Frauen) Wartezimmer meiner Hausärztin in Wellinghofen. Ein alter Mann kommt rein, stellt sich vor die Tür zum Empfang und wartet auf Einlass. Er dreht sich zu uns um und sagt: das ist aber leer hier heute. Erwidert eine Patientin: Hacheney ist noch nicht da. Sie meint die Leute aus der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.
    Die kommen immer nachmittags, sagt eine andere. Die sollen am besten ganz wegbleiben, sagt der Alte. Uns hat 1945 auch keiner geholfen. Och, sag ich, ohne die Care- Pakete der Amerikaner wäre hier wohl auch der eine oder andere verhungert
    Er hätte davon nichts abbekommen, sagte er. Er wär von den Russen misshandelt und verjagt worden. Tja, sag ich, Hitler wär vielleicht besser aus Russland weg geblieben, dann wären die Russen nicht hier einmarschiert. Er hätte den Krieg nicht angefangen, sagte er. Nein, sagte ich. Das haben Sie nicht. Diese Menschen aber auch nicht. Die wollen auch nicht ihre Kinder verrecken sehen. Dann die Tür auf und er ging rein. Zehn Minuten später kam er zurück. Er kam auf mich zu, lächelte mich an, setzte sich neben mich und meinte, ich solle mal so bleiben, wie ich bin. Ja, sagte ich. Ganz sicher. Und dann erzählte er mir, was er Schlimmes in Danzig als „Reichsdeutscher“ erlebt hatte. Alte Männer, von polnischen Soldaten erst misshandelt und dann mit Kopfschüssen hingerichtet. Ja, ist das denn nicht schrecklich? fragte ich. Das erleben diese Menschen doch auch gerade. Das sind doch Menschen in Not, die brauchen unsere Hilfe. Warum die denn alle hierhin kämen? Aber das stimmt doch nicht, erwidere ich. Viel ärmere Länder wie der Libanon nehmen ein Mehrfaches an Flüchtlingen auf. Die meisten hätten doch nicht genug Geld, um es bis zu uns zu schaffen. Und er solle mal schauen, wie Europa die Griechen und Italiener im Stich lassen würde, die wüssten sich kaum noch zu helfen. Zuallererst sind es doch Menschen in Not, und ich selber wolle angesichts der Not Mensch bleiben. Das wollen wir doch alle, sagte er. Eine Frau rechts von mir nickte mir zustimmend zu. Dann musste ich rein.
    Oh, ganz schön schnelle Herzfrequenz, sagte die Ärztin beim Abhorchen. Ja, sagte ich, ich habe mich im Wartezimmer gerade aufgeregt. Und hab ihr erzählt, was ich erlebt hatte.
    Als ich zurück ins Wartezimmer kam, dankte mir die Frau, die mir zugenickt hatte. Sie war so um die 60. Außer ihr war nur noch eine junge Frau im Raum. Und es entwickelte sich zwischen uns Dreien noch ein gutes Gespräch über das, was in Deutschland gerade so passiert, und darüber, was jeder Einzelne tun könne.

    Claudia Engelberts

    30. August 2015

    • Liebe Claudia,

      ich sag`s ja. Im Alltag braucht es nur offene Augen und Ohren.
      Leider sind auch ungemütliche Geschichten dabei, die eigentlich kein Mensch braucht.

      Wir sollten uns in Deinem Fall Rückgrat zulegen. Und lieber eine Alternative für das Wort Flüchtlinge überlegen. Menschen willkommen heißen wäre doch eine Alternative und glücklich sein, dass es uns so geht, wie es gerade ist. Ich wünsche Dir weiterhin Mut und eine moderate Herzfrequenz:) Brigitte

      Brigitte Jülich

      30. August 2015

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